Die HOSI Salzburg setzt sich seit vielen Jahren für die Sichtbarkeit und gesellschaftliche Teilhabe queerer Menschen in Salzburg ein. Neben Beratung und Unterstützungsangeboten organisiert sie Veranstaltungen wie das Salzburg Pride Festival und arbeitet daran, Brücken zwischen queeren Menschen und der Gesellschaft zu bauen. Im Gespräch erklärt Conny Felice von der HOSI Salzburg, warum queerer Aktivismus für sie heute nicht nur bedeutet, Forderungen zu stellen, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, den Dialog zu suchen und Räume für Begegnung zu schaffen.
Wie sieht die HOSI ihre Rolle im queeren Aktivismus?
Die rechtliche Situation queerer Menschen hat sich in den vergangenen 20 Jahren massiv verbessert. Der queere Aktivismus hat sich hingegen aus meiner Sicht kaum verändert. Für viele bedeutet queerer Aktivismus noch immer vor allem: Man marschiert mit einem Schild und fordert Gleichberechtigung, Akzeptanz und vieles mehr.
Wir als HOSI Salzburg setzen einen etwas anderen Schwerpunkt. Wir sagen weniger: „Wir fordern, dass du mich akzeptierst“, sondern: Wir möchten einen konkreten Beitrag für die Stadt und das gesamte Bundesland leisten. Mit unseren Veranstaltungen, dem Pride Festival und den vielen Programmpunkten während des Jahres versuchen wir, Angebote für alle zu schaffen – nicht nur für queere Menschen.
Also nicht: Wir fordern, sondern: Wir geben.
Wenn sich die gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen verändern, muss sich auch der Aktivismus verändern. Natürlich gibt es noch einzelne rechtliche Fragen, die offen sind. Im Großen und Ganzen hat es in den vergangenen Jahren aber viele positive rechtliche Entwicklungen gegeben. Was noch fehlt, ist gesellschaftliche Anerkennung.
Dafür braucht es Kontakt zu queeren Menschen. Diesen Kontakt versuchen wir über Veranstaltungen wie das Pride Festival herzustellen. Es geht weniger um ein „Du musst dich verändern“, sondern darum, etwas zu tun und ein Angebot zu machen. Wer es annehmen möchte, ist willkommen. Und wen wir damit nicht erreichen, den erreichen wir nicht.
Wie hat sich dieser Ansatz bei der HOSI entwickelt? War das ein langsamer Prozess, der sich mit der Zeit eher von selbst entwickelt hat, oder war es eine bewusste Entscheidung?
Ich bin jetzt seit fünf Jahren in dieser Funktion. Zu Beginn haben wir uns zunächst angeschaut: Wie ist die Situation in Österreich, und was können wir als HOSI tun, damit sich die gesellschaftliche Situation hier in Salzburg weiter verbessert?
Der heutige Ansatz ist dabei gewachsen. Es war kein einzelner Entschluss, sondern ein Prozess über die vergangenen Jahre. Dabei waren nicht alle in der „Community“ von dieser Entwicklung begeistert.
Für uns wurde aber zunehmend wichtig, auf Augenhöhe mit der Gesellschaft zu agieren. Und das funktioniert nicht aus einer Opferrolle heraus. Diese Veränderung passiert natürlich nicht von heute auf morgen, sondern entwickelt sich Schritt für Schritt.
Welche Angebote bietet die HOSI für queere Menschen in Salzburg?
Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist dabei die Beratung. Auch sie hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Heute kommen zunehmend Angehörige zu uns, also Eltern, Geschwister und andere Familienmitglieder, die beispielsweise Schwierigkeiten mit Veränderungen im Leben eines Kindes haben.
Das ist für mich ein wichtiger Punkt, weil queere Menschen meistens wissen, was sie brauchen und wo sie Unterstützung finden können. Für Angehörige gibt es dagegen nur wenige passende Angebote. Sie glauben manchmal, sie müssten eine Psychotherapie in Anspruch nehmen, obwohl sie häufig vor allem Austausch, Information und Orientierung brauchen. Es gibt viele gelungene Beispiele, an denen sich Eltern orientieren können. Das kann ihnen helfen, die Situation besser zu verstehen und damit umzugehen.
Ebenso wichtig ist für uns die Brücke in die Gesellschaft: zu unterschiedlichen Organisationen, zur Politik und zur Wirtschaft. Denn je mehr Menschen und Institutionen miteinander in Kontakt kommen und sich kennenlernen, desto eher können Unsicherheiten und Ängste abgebaut werden.
Darf ich eine etwas schwierige Frage stellen? Es gibt ja immer wieder Kritik an der Beteiligung von Unternehmen an Pride-Veranstaltungen. Dabei wird zum Beispiel kritisiert, dass dieses Engagement teilweise eher performativ ist. Wie siehst du diese Kritik?
Ich glaube, man muss die Rahmenbedingungen anschauen. Ein Unternehmen ist mehr als sein Logo, sein Management oder seine Diversity-Abteilung. Wenn sich ein Unternehmen zu queeren Themen positioniert und sich sichtbar engagiert, muss es sich daran auch messen lassen. Und es tut das freiwillig.
Natürlich kann man sagen, dass Unternehmen damit auch ihr Image verbessern oder neue Zielgruppen erreichen wollen. Aber auch unser Aktivismus braucht Geld, damit wir unsere Angebote möglichst niederschwellig und, wenn möglich, kostenlos anbieten können. Ohne Sponsorings wäre das Pride Festival in dieser Form nicht möglich.
Deshalb ist mir ein Unternehmen, das sagt: „Wir unterstützen hier in Salzburg konkret eure Arbeit“, lieber als ein Unternehmen, das gar nichts tut. Am Ende muss jemand die Kosten tragen – und ich möchte, dass Menschen unsere Veranstaltungen besuchen können, ohne dafür Eintritt bezahlen zu müssen.
Das macht Sinn. Ob es uns gefällt oder nicht, wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, und um existieren zu können, brauchen wir Geld. Was glaubst du, was ihre Motivation ist, Pride zu unterstützen?
Natürlich geht es für Firmen auch darum, das eigene Image zu stärken und sich als offene Firma zu positionieren. Gleichzeitig geht es immer öfter darum, Menschen als Mitarbeitende zu gewinnen und zu zeigen: Das ist ein Unternehmen, in dem queere Menschen willkommen sind.
Für Unternehmen ist es heute nicht einfach, gute Mitarbeitende zu finden. Warum also nicht auch queere Menschen gezielt ansprechen und für das eigene Unternehmen gewinnen? Auf der anderen Seite kritisieren wir zu Recht, wenn queere Menschen bei der Jobsuche benachteiligt werden.
Diesen Widerspruch muss man aushalten. Und ich beobachte gerade im queeren Aktivismus, dass sehr häufig der Blick darauf gerichtet wird, was noch fehlt, was falsch läuft oder was nicht sein darf. Viel seltener gelingt es, sich über gelungene Kooperationen zu freuen, einen Beitrag anzuerkennen oder einfach einmal Danke zu sagen. Das finde ich schade, denn wenn wir wollen, dass sich etwas in der Gesellschaft verändert, sollten wir auch wahrnehmen und wertschätzen, wenn Menschen oder Unternehmen sich tatsächlich auf uns zubewegen.
Wie geht die HOSI mit dem aktuellen Backlash gegen queere Menschen um? Habt ihr das Gefühl, dass ihr dadurch kämpferischer oder lauter werden müsst?
Nein. Im Gegenteil: Ich möchte, dass wir leiser werden – zumindest in der Art, wie wir miteinander sprechen. Das „Zu-wenig-laut-sein“ wird vor allem mir persönlich immer wieder vorgeworfen. Trotzdem – für mich gilt: Lautstärke ersetzt kein Argument. Wenn wir auf Augenhöhe und respektvoll miteinander reden wollen, müssen wir nicht ständig lauter werden, um gehört zu werden. Häufig wird Lautstärke mit kantigen Phrasen auf Social-Media gleichgesetzt. Damit kann und will ich nicht dienen.
Unser Aktivismus sollte sich nicht an Lautstärke messen. Ich glaube, wir als Organisation sind in unserem Aktivismus längst erwachsen geworden. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und übernehmen auch Verantwortung dafür, wie wir mit ihr umgehen. Das heißt nicht, dass wir weniger tun. Es heißt, dass wir anders handeln: miteinander reden, Brücken bauen und vor allem gemeinsam etwas tun.
Was würdest du queeren Menschen sagen, die sehr viel Wut in sich tragen und vielleicht nicht die emotionale Kapazität haben, diese Brücken zu bauen? Ich glaube, es ist noch einmal etwas anderes, ob man als Organisation oder als Einzelperson agiert. Bei einer Organisation verstehe ich sehr gut, was du sagst: dass es darum geht, diese Brücken zu bauen und Teil der Gesellschaft zu sein. Aber was würdest du einzelnen queeren Menschen sagen, die vielleicht einfach wütend sind und das Gefühl haben, dass ihnen die Kraft fehlt, diese Brücken zu bauen?
Ich verstehe diese Wut. Aber Wut ist auch Energie – und die Frage ist, was wir daraus machen. Zwischen einem Reiz und unserer Reaktion liegt ein Raum, den wir gestalten können. Unser Ansatz ist deshalb zunächst der Dialog. Das heißt nicht, dass wir niemals andere Maßnahmen setzen können oder sollen. Aber miteinander zu reden ist für uns der erste Schritt.
Und Dialog allein reicht noch nicht. Danach braucht es irgendeine Form des gemeinsamen Tuns oder eine Verhaltensänderung, an der beide Seiten erkennen können: Wir wollen miteinander in Verbindung bleiben, wir sind bereit, aufeinander zuzugehen und uns aufeinander zu verlassen.
Deshalb sage ich auch: Niemand muss diese Brücken alleine bauen. Kommt zu uns, macht mit, bringt euch ein. Manchmal ist es sinnvoller, das Handy einmal wegzulegen, eine Nacht darüber zu schlafen und am nächsten Tag zu überlegen: Was kann ich konkret tun?
Denn wenn wir etwas gemeinsam schaffen, entsteht eine andere Verbindung. Wir erleben, dass wir uns aufeinander verlassen können und gemeinsam etwas bewegen können. Genau dort beginnt für mich gesellschaftliche Veränderung.
Vielleicht stelle ich noch eine letzte Frage: Was würdest du dir für die HOSI und vielleicht auch für die Gesellschaft in den nächsten fünf Jahren wünschen?
Ich wünsche mir, dass wir noch selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft werden und dass andere Organisationen und Einrichtungen sagen: „Lass uns etwas gemeinsam mit der HOSI machen.“ Nicht aus einer Opferrolle heraus, sondern weil wir als zivilgesellschaftliche Organisation etwas beitragen können.
Wenn es in Salzburg beispielsweise eine Hochwasserkatastrophe gäbe und Sandsäcke gefüllt werden müssten, dann würden selbstverständlich auch queere Menschen mithelfen. Es geht darum, dass wir gemeinsam etwas tun, das für die ganze Gesellschaft wichtig ist. Wir sollten unsere eigenen Befindlichkeiten nicht ständig zum Mittelpunkt machen lassen – und auch die Medien sollten nicht immer nur darauf schauen, was uns unterscheidet, empört oder voneinander trennt.
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir als queere Bewegung den Mut haben, gesellschaftliche Probleme anzusprechen, auch wenn sie für uns selbst unbequem sind. Wir dürfen dabei unsere eigenen blinden Flecken nicht übersehen. Wie viel muss eigentlich noch passieren, damit wir bestimmte Dinge ansprechen können? Islamismus ist eine Herausforderung für eine offene Gesellschaft und auch eine Bedrohung für queere Menschen. Darüber muss man sprechen können, ohne dass sofort der Vorwurf der politischen Unkorrektheit im Raum steht.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um muslimische Menschen insgesamt. Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Aber die Tatsache, dass man als Minderheit nicht pauschal mit den problematischen Positionen einzelner Menschen gleichgesetzt werden möchte, entbindet einen auch nicht davon, sich mit problematischen Entwicklungen im eigenen Umfeld auseinanderzusetzen. Und das gilt letztlich auch für uns selbst: Auch wir sind eine Minderheit und müssen uns eingestehen, dass es in unserem Aktivismus herausfordernde Entwicklungen und blinde Flecken gibt. Minderheit zu sein bedeutet nicht automatisch, immer auf der richtigen Seite zu stehen.
Vielleicht dürfen wir uns jetzt endlich eine gewisse Blauäugigkeit eingestehen. Mit den Herausforderungen, die unseren Aktivismus über Jahrzehnte geprägt haben, tun wir uns relativ leicht: Wir kennen sie, wir wissen, wie diese Akteure reagieren, und wir wissen, wie wir darauf antworten. Das macht sie in gewisser Weise berechenbar. Schwieriger wird es bei neuen Akteuren und Ideologien, die nicht in dieses vertraute Bild passen.
Und hier kommt auch die Grenze unseres Dialogansatzes ins Spiel: Dialog ist für uns der erste Schritt, aber Dialog setzt voraus, dass überhaupt ein Gespräch möglich ist. Mit radikalisierten oder fundamentalistischen Positionen ist dieser Austausch unter Umständen nicht möglich – egal aus welchem Lager. Das ist kein Grund, auf Dialog zu verzichten. Aber es bedeutet, dass wir, wenn ein Gegenüber nicht dialogfähig ist, auch andere Formen des gesellschaftlichen Umgangs und eine klare Positionierung brauchen.
Eine offene Gesellschaft muss in der Lage sein, gesellschaftliche Gefahren unabhängig davon zu benennen, von wem sie ausgehen. Sonst machen wir uns selbst blind für einen Teil der Realität.
Ich möchte, dass wir als HOSI selbstverständlich Teil dieser Gesellschaft sind – mit unseren eigenen Erfahrungen, aber auch mit unserer Bereitschaft, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.


