Ein Leben in Solidarität und Selbstbestimmung: Sonja Stadler im Gespräch

Der Disability Pride Month, der jedes Jahr im Juli gefeiert wird, ist nicht nur eine Feier, sondern auch eine wichtige Erinnerung daran, dass Behinderung ein Teil der menschlichen Erfahrung ist. Anlässlich dieses Monats hatte ich das Privileg, mit Sonja Stadler zu sprechen, einer langjährigen Aktivistin und Interessenvertreterin aus Salzburg. Für Sonja bedeutet Stolz im Zusammenhang mit Behinderung nicht, die Behinderung selbst hervorzuheben, sondern stolz darauf zu sein, der Mensch zu sein, der sie durch ihre Lebenserfahrungen geworden ist.

Den Disability Pride Month können Sie auch unterstützen, indem Sie knack:punkt – Selbstbestimmt Leben Salzburg mit einer Spende fördern (IBAN AT39 4300 0398 5909 0000 * BIC VBOEATWW). knack:punkt setzt sich als Interessenvertretung für die Rechte und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen ein und unterstützt sie dabei, ein selbstbestimmtes und barrierefreies Leben zu führen.


Möchtest du dich vorstellen und etwas über deinen Hintergrund erzählen, das dir wichtig ist, mit anderen zu teilen?

Im Juni diesen Jahres wurde ich 57 Jahre alt. Ich lebe von Beginn meines Lebens an mit meiner Behinderung. Ich kam in der Kindheit und Jugend gut damit zurecht, musste aber im jungen Erwachsenenalter viel daran arbeiten mir mein Selbstbestimmtes Leben zuzutrauen, zuzumuten und daran zu glauben, dass ich meine Ziele und Träume, die ich mir so zurechtgelegt habe, erreichen kann. Selbstbestimmung und damit auch Selbstbestimmt Leben ist für Menschen mit Behinderung nicht von Natur aus eine Selbstverständlichkeit. Beim Aufbau meines Selbstbewusstseins als Frau mit Behinderung und die damit verbundene Verantwortung mir und anderen gegenüber, unterstützte mich im Alter von 27 Jahren die Idee von „Selbstbestimmt Leben“. Hinter dieser Idee steckt, zuerst bist du Frau mit Behinderung, dann bist du in deiner Person der Mensch, der du bist und der du sein möchtest und danach kommt deine Behinderung. Die Behinderung prägt dich zwar mit, aber sie hat nicht das letzte Wort über dich und dein Leben. Diese Erfahrung war für mich damals so wie heute unendlich wichtig. Die persönliche Erfahrung in der Selbstbestimmt Leben Bewegung bildete mich in meiner Solidarität so weit aus, dass ich mein Wissen und mein Können im Zusammenhang mit der Selbstbestimmt Leben Geschichte gerne an andere Menschen mit Behinderungen in Peer-Beratungen und in der Projektleitung des Projektes „Weil ich eine Frau bin, nehme ich mein Leben selbst in die Hand“ der Interessensvertretung knack:punkt Salzburg gerne weitergeben.

Gibt es Aktivist:innen, Künstler:innen oder Denker:innen in der Disability-Community, die dich inspirieren?

Ja, die gibt es. Wenn ich daran denke, fällt mir Ed Roberts ein, der in Berkeley das erste Selbstbestimmt Leben Zentrum in den 60er Jahren gegründet hat. Er und seine Mitstreiter:innen setzten auch das Konzept der Persönlichen Assistenz um, das es damals sowie heute Menschen mit Behinderungen ermöglicht ein Selbstbestimmtes Leben mit Behinderung zu führen.
Wenn ich an unser Bundesland denke, dann fallen mir Aktivist:innen wie Andrea Mielke und Friederike Daringer, die leider beide schon verstorben sind, neben einigen anderen ein. Außerdem bin ich froh mit Monika Schmerold gemeinsam unsere Interessensvertretung knack:punkt Selbstbestimmt Leben Salzburg 2012 gegründet zu haben.

Wie sieht Stolz im Kontext von Behinderung für dich aus – wie fühlt er sich an?

Diese Frage möchte ich ein wenig umwandeln, denn wenn ich davon ausgehe, dass ich zuerst Sonja bin und dann erst mit meiner Behinderung lebe, ist stolz sein für mich nicht auf die Behinderung zu beziehen. Sondern ich bin stolz darauf, der Mensch zu sein, der ich auf Grund meiner Lebenserfahrungen geworden bin und auch bleiben möchte, nämlich ein Mensch, der solidarisch, mitfühlend und einfühlsam sein kann.

Was würdest du einer jüngeren Person mit Behinderung sagen, die noch dabei ist, ihren eigenen Zugang zu Körper, Geist oder Identität zu finden?

Grundsätzlich ist es so, dass junge Menschen unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder nicht, Unterstützung brauchen, um einen Zugang zu ihrem Körper, Geist und ihrer Identität zu finden. Diese Unterstützung sollten selbstverständlich auch junge Menschen mit Behinderungen bekommen. Ergänzend dazu ist es wünschenswert, dass junge Menschen mit Behinderungen auch mit der Selbstbestimmt Leben Bewegung und mit ihrer Idee in Berührung kommen, um zu erkennen, dass sie auf jeden Fall so bleiben dürfen wie sie sind, dass sie richtig sind, so wie sie sind und dass sie den Mensch-zuerst Gedanken ganz fest in sich tragen sollen und dürfen. Also kurz gesagt, fasse ich für junge Menschen mit Behinderungen immer wieder zusammen: Du bist zuerst Mensch. Du musst und darfst selbstbestimmt leben lernen. Du musst und darfst dafür um Unterstützung fragen. Bitte gib nicht auf deinen Weg zu gehen.

Wie praktizierst du Fürsorge, Ruhe oder Widerstand in deinem Alltag?

Wenn ich mit Widerstand beginnen darf, möchte ich sagen, dass ich mir im Laufe der Jahre in der Selbstbestimmt Leben Bewegung so etwas wie eine „gute Klebrigkeit“ zugelegt habe. Das heißt für mich: Ich sage immer wieder, was ich denke. Ich fordere immer wieder ein, was Menschen mit Behinderungen brauchen und was ihr Recht ist und ich bin immer noch da und werde es auch bleiben, denn meine eigene Behinderung wird auch bleiben, also kann ich diese Kraft und diesen Widerstand auch für andere Menschen mit Behinderungen einsetzen.
Ruhe finde ich in meiner Familie, in der Natur und im Vertrauen auf das Leben selbst.
Die Fürsorge für mich selbst musste ich immer wieder neu auffrischen, aber in den letzten Jahren habe ich gelernt nicht auszubrennen, denn wie schon gesagt, meine Behinderung wird bleiben und für die brauche ich eben auch Zeit und Geduld. Also alles in Allem glaube ich, dass ich mit Fürsorge, Ruhe und Widerstand ein gutes Beisammensein in mir gefunden habe.

Wie sieht für dich eine barrierefreie und gerechte Zukunft aus?

Gerecht ist, wenn alle Menschen mit oder ohne Behinderungen ihre Menschenrechte leben und umsetzen können.
Barrierefreiheit muss auch ebenfalls für alle Menschen gegeben sein. Vielleicht würden wir uns im Sinne von Gerechtigkeit und Barrierefreiheit auch leichter tun, wenn wir alle gemeinsam daran arbeiten. Also Menschen mit und ohne Behinderungen sowie auch Menschen aus anderen Ländern und mit anderer Sprache, verschiedenen Alters, verschiedenen Geschlechts, kurz mit allen ihren Unterschiedlichkeiten zu verbinden, um miteinander leben zu können. Denn meiner Erfahrung nach verbindet uns alle auch die Diskriminierungserfahrung, die wir in den verschiedenen „Menschengruppen“, Communities machen. Also könnten wir diese Erfahrungen auch nutzen, um gemeinsam etwas zu verbessern, um dem beschriebenen Ziel näher zu kommen. Mensch zu sein verbindet mehr als es uns voneinander trennt.

Was wünschst du dir, dass nicht-Was wünschst du dir, dass Menschen ohne Behinderung besser über Behinderung verstehen?

Einer meiner wichtigsten Grundsätze ist: „Wir sind alle Menschen. Und wir sind alle zuerst Menschen. Und dann kommt eben das, was uns noch ausmacht“ Wir sollten miteinander offen und ehrlich reden, wenn wir etwas nicht verstehen oder wissen. Grundsätzlich sollten wir uns bemühen den Sprachgebrauch, den eine Community verwendet ebenfalls zu verwenden, wie zum Beispiel „Menschen mit Behinderungen“ und nicht „behinderte Menschen“. Jedoch sollte uns der Sprachgebrauch und seine Verwendung nicht daran hindern miteinander zu sprechen, weil vielleicht dort und da Unsicherheiten oder Nichtwissen vorliegen.

Wie können Verbündete oder Institutionen Menschen mit Behinderungen sinnvoll unterstützen – nicht nur während des Disability Pride Month, sondern das ganze Jahr über?

Grundsätzlich sind Menschen mit Behinderungen gut unterstützt, wenn sie als Menschen gesehen werden, als Menschen behandelt werden und von ihnen aber auch ein guter zwischenmenschlicher Umgang miteinander erwartet wird. Die Unterstützung und/oder Persönliche Assistenz, die sie auf Grund ihrer Behinderung benötigen, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, sollten sie uneingeschränkt bekommen. Praktisch gesprochen heißt das, wenn wir miteinander in Kontakt kommen, gehen wir als Menschen miteinander um, zu der Behinderung dürfen offene Fragen im höflichen, wertschätzenden Umgangston gestellt werden, um Nichtwissen und Missverständnissen vorzubeugen und dem gemeinsamen Tun ein Gelingen zu ermöglichen.

Krista Bolton, 29.07.2025

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