NGO-Partnerschaft mit Stolipinovo

Stolipinovo im bulgarischen Plovdiv ist eine der größten Roma-Siedlungen auf dem Balkan

Jugendliche, die das eigene Viertel noch nie verlassen haben. Kinder, die nicht ins öffentliche Schwimmbad dürfen, weil sie Roma sind. Mädchen und Buben, die in eine Gesellschaft mit einer Arbeitslosenrate von 95 Prozent hineinwachsen. Stolipinovo ist das größte Roma-Viertel auf dem Balkan und liegt am Rand von Plovdiv, der zweitgrößten Stadt Bulgariens. Wer hier aufwächst, macht früh die Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung.

Die Plattform für Menschenrechte unterstützt sowohl den Jugendclub Roma als auch die selbstverwaltete Roma-Stiftung Stolipinovo im Rahmen einer Projekt-Partnerschaft. So wird Kindern aus Stolipinovo der Besuch von Schulen der bulgarischen Mehrheitsbevölkerung ermöglicht, um der ethnischen Trennung im Schulbereich entgegen zu wirken. Unterstützung gibt es außerdem bei der lokalen Menschenrechts-Arbeit sowie für den Aufbau eines eigenen Radiosenders. Mit dem Radio hätten die Menschen aus Stolipinovo ein Medium zur Verfügung, mit dem sie Aufklärungsarbeit leisten können. Aktuell haben sie häufig mit dem Phänomen "hate speech" zu kämpfen. Diskriminierende Aussagen sind an der Tagesordnung. Eklatanteste Beispiele für solche Fälle von "hate speech": Volen Siderov, Vorsitzender der Partei "Ataka" benutzt die Losung "Zigeuner zu Seife", im Wahlkampf zur Parlamentswahl 2014. Die Partei "Nationale Front zur Rettung Bulgariens" fordert, alle Roma in Konzentrationslager zu sperren und als Touristenattraktion auszustellen. Trotz zahlreicher Anzeigen unternimmt die Staatsanwaltschaft nichts.

Plovdiv und Stolipinovo

Die zweitgrößte Stadt Bulgariens liegt in der Thrakischen Ebene am Fluß Mariza und hat ca. 370.000 Einwohner. Zeugnisse der wechselvollen Geschichte der Stadt finden sich vor allem im Zentrum. Dort gibt es neben einem gut erhaltenen Amphi-Theater aus der Römer-Zeit auch eine prächtige Moschee und katholisch-orthodoxe Kirchen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts machte sich Plovdiv einen Namen als internationale Messestadt.

Nach dem Ende des Kommunismus fiel in Bulgarien beinahe die Hälfte der Arbeitsplätze weg. Roma, die zuvor Jobs auch in Fabriken hatte, wurde als erste entlassen. Im Gegensatz zur Mehrheitsbevölkerung hatten Sie in der Regel aber keinen Grundbesitz, auf den sie hätten zurückgreifen können, um beispielsweise Gemüse für den Eigenverbrauch oder für den Verkauf anzubauen. In Plovdiv gibt es insgesamt vier Stadtteile, die ausschließlich von Roma bewohnt werden. Stolipinovo ist der größte davon.

In Stolipinovo leben rund 50.000 Roma auf einer Fläche von zwei mal drei Kilometern. Größtes Problem ist die extreme Arbeitslosigkeit. Angehörige der meist türkischsprachigen Roma bekommen in Bulgarien kaum Jobs. Wer kann, versucht deshalb im Ausland Geld zu verdienen, häufig als Erntearbeiter in Spanien oder Portugal.

Kulturhauptstadt 2019

Plovdiv wird im Jahr 2019 europäische Kulturhauptstadt sein. Im Bewerbungsprozess wurde stark auf die "Roma-Karte" gesetzt. Verschiedenste kulturelle Aktivitäten in Stolipinovo - vom Video- bis zum Musikfestival - waren angekündigt. Roma-NGOs wie der Jugendclub Stolipinovo waren in die Planung nicht eingebunden, obwohl sie im Bewerbungspapier als "confirmed partner" aufscheinen. Bei einem Gesamtbudget von 32 Millionen Euro sind für Aktivitäten in Stolipinovo nur 500.000 Euro vorgesehen. Zum Vergleich: Der Zoo von Plovdiv soll im Rahmen der Kulturhauptstadt um zwei Millionen Euro renoviert werden.

Georg Wimmer

Spendekonto: AT90 2040 4000 0358 8407 Vermerk: Projekt Stolipinovo

 

Links:

Roma-Familien bald obdachlos, Rupertusblatt 26. 2. 2017

Kutlurhauptstadt reißt Roma-Häuser ab, Standard 23. 2. 2017

Kulturhauptstadt "säubert" Roma-Sieldungen, Salzburger Nachrichten 22. 2. 2017

 

DVD "Im Ghetto - Die Roma von Stolipinovo". Erhältlich bei Studio West für 14,90 EUR plus Versand mit deutschen oder englischen Untertiteln.